Fragen an den Vorsitzenden der Bürgerhilfe Anzenkirchen
 
Anzenkirchen. Im Februar 2016 wurde aus dem im Oktober 2015 gebildeten „Helferkreis Flüchtlinge“ der Verein Bürgerhilfe Anzenkirchen „Ein Dorf hilft“ e.V. gegründet, der mittlerweile über 170 Mitglieder zählt. Kaum drei Monate später ist die zweite satzungsgemäße Bestimmung des Vereins „hilfsbedürftige Personen am Ort  zu unterstützen“ durch die verheerenden Altbachfluten bittere Realität in ungeahnter Dimension geworden.
Wir haben dazu den 1. Vorsitzenden der Bürgerhilfe, Hermann Ertl, befragt.

> Wie sehen Sie das Dorf Anzenkirchen und die Hochwassergeschädigten ein Jahr nach        der Katastrophe?
Von den etwa 350 Anwesen am Ort wurden fast 230 überflutet und zum überwiegenden Teil schwer beschädigt. Dieses gewaltige Ausmaß hat dazu geführt, dass hier nichts mehr so ist, wie es vor dem 1. Juni 2016 war. In vielen Häusern ist noch Baustelle, während in schon sanierten Gebäuden noch nachträglich Schäden auftreten. Einige Mitbürger haben ihr Haus – ihr geliebtes Umfeld verloren. Mehrere Bewohner sind für immer weggezogen, was vor allem für ältere Menschen nur sehr schwer zu meistern ist.

> Wie kommen nach Ihrer Einschätzung die Betroffenen mit den Folgen der Flut zurecht?
Sehr unterschiedlich. Viele hat die Unsicherheit über die Zukunft ganz stark belastet. Es mussten in kurzer Zeit Entscheidungen  getroffen werden, die sicherlich nicht einfach waren. Es sind nicht wenige, die die Auswirkungen des Katastrophenereignisses noch nicht verarbeitet haben. Mehrere Personen befinden sich auch deswegen in ärztlicher Behandlung. Und dies kommt jetzt noch dazu: Bei Starkregen sind viele Betroffene extrem aufgewühlt und kommen geradezu in Panik.

> Wie bewerten sie die Finanzhilfe des Freistaates für die Flutopfer?
Ohne dessen Förderprogramm mit einer 80-Prozent Bezuschussung bei den Gebäudeschäden wären die Instandsetzungsarbeiten in dieser Form nicht möglich gewesen. Bei 20 Prozent Eigenanteil und einer nicht allzu hohen Pauschalentschädigung für Hausratschäden ist dies für viele ein finanzieller Kraftakt, der zumindest durch Spenden noch gelindert werden kann.
 
> Wie ist Ihre Meinung zu den verschiedenen Spendentöpfen?
Zunächst zu den Spenden, die unser Verein aus nah und fern erhalten hat. Die Bürgerhilfe hat von den bislang angesammelten über 140.000 Euro bereits nahezu 120.000 Euro an die Hochwassergeschädigten in Anzenkirchen verteilt. Dabei gilt der Grundsatz “schnell und unbürokratisch“, was auch dem Spenderwillen entspricht, sowie Zweckgebunden für Ausgaben, die nicht förderfähig sind.
Ähnlich wie bei der Bürgerhilfe - nach einem Punktesystem - erfolgte auch beim Markt Triftern die Verteilung der fast 260.000 Euro Spendengelder. Erfreulicherweise wurde hier der ursprünglich vorgesehene Modus des Landkreises nicht angewendet.
Dessen Vergaberichtlinien mit Offenlegung der finanziellen Verhältnisse hat dazu geführt, dass viele Betroffene bislang keinen Spendenantrag beim Landratsamt gestellt haben. Für die Geschädigten ist nicht nachvollziehbar, dass die Höhe der Spende erst mit dem Schlussbescheid der staatlichen Förderung festgelegt wird. Ich gehe davon aus, dass die Verteilungskriterien nochmals verbessert bzw. vereinfacht werden, weshalb unbedingt noch bis spätestens 30. Juni 2016 der Spendenantrag gestellt werden sollte.
  • er
Bildtext:
In der Leitstelle im Schulbushäuschen bei der Hobernbrücke koordinierte Marktgemeinderat Hermann Ertl (vorne links) im Auftrag von Bürgermeister Walter Czech ab 2. Juni 2016 die Einsätze der hunderte von freiwilligen Helfern in Anzenkirchen. Hier gibt er einer Gruppe von Schülern der Berufsschule Vilshofen Instruktionen für den Arbeitseinsatz.
Foto: Reiter